Regionen der Arktis

 

ANRAINERSTAATEN DER ARKTIS

Spitzbergen

Der Sommer ist kurz und kühl, wie üblich in den geografischen Lagen zwischen dem 74. und dem 81. nördlichen Breitengrad. Der Winter aber ist verhältnismässig mild, weil ein Ausläufer des Golfstroms warmes Wasser bis an die Westküste bringt. Dieser Umstand ermöglicht es den Tieren, vergleichsweise sicher ganzjährig über die Runden zu kommen. Entsprechend sind auf diesem Archipel mit über 400 Inseln und Schären vor allem die arktischen Säugetiere oft anzutreffen: Rentiere und Polarfüchse, Wale, Robben und natürlich Eisbären, von denen 3000 in der Gegend leben – das Eisbären-Warnschild an der Ortsgrenze
von Longyearbyen ist eines der berühmtesten Fotomotive von Spitzbergen. Ein Detail am Rande: Die meisten Berge von Spitzbergen sind nicht wirklich spitz, sondern eher tafelförmig. Schmale Gipfel findet man nur auf der Westseite der Insel. Genau die hat Willem Barents zuerst gesehen, als er das Archipel 1596 entdeckte – und ihm den Namen Spitzbergen gab.

 

Grönland

Grönland ist die größte Insel der Erde und gehört zu Dänemark. Trotz ihres rauen Klimas besticht sie durch eine außerordentliche Artenvielfalt und bizarre Landschaften - im Osten meist eisig und weiß, im  Westen sanft und grün.

Grönland heisst Grünes Land, weil dort der Wikinger Erik der Rote um das Jahr 1000 herum tatsächlich Getreide anbaute – damals war die Durchschnittstemperatur 2 Grad wärmer als heute. Grönland ist geologisch gesehen die größte Insel der Erde, gehört politisch zu Dänemark und ist mit einer bis 3400 Meter dicken Gletscherdecke das Eislager der nördlichen Erdhalbkugel – immerhin ist die größte Insel der Erde 2650 Kilometer lang und bis zu 1200 Kilometer breit. Trotzdem kann es im Sommer durchaus auch 20 Grad warm werden.

Ganz speziell sind die Eisberge, vor allem in der Diskobucht an der Westküste: Riesige Gletscherzüge münden in die Fjorde der Region, an der Kante bricht das Eis ins Meer und schmückt die Bucht mit Tausenden von Eisbergen in jeder erdenklichen Form und Grösse. Der Sermeq Kujalleq-Gletscher ist der grösste Eisbergproduzent. Die Eisberge sammeln sich nach ihrer Reise durch den Illulissat-Fjord in der Diskobucht. Aber Achtung: Wer das erst mal gesehen hat, will mehr davon! Erfahrene Polarfreunde erklären dann den Erstbesuchern, dass sie sich gerade den Polarvirus eingefangen haben – und den wird man sein Leben lang nicht mehr los.
 

Island

Island befindet sich östlich von Grönland und ist im Vergleich zu Grönland winzig, aber immer noch zweieinhalb Mal so gross wie die Schweiz. Trotzdem scherzen die Insulaner, dass in Island irgendwie alles in der Nähe der Hauptstadt Reykjavik liegt. Was ja auch stimmt, wenn man die Dörfer der Menschen betrachtet, denn mehr als jeder Dritte Isländer lebt in der größten Stadt im Südwesten der Insel. Nur ein klein wenig südlich des nördlichen Polarkreises liegt diese größte Vulkaninsel unserer Erde, in deren Mitte etwa sich die Nordamerikanische Platte und die Eurasische Platte treffen.

Island - ein faszinierender Kontrast aus Feuer und Eis. Fast nirgends sonst auf der Erde wird die Erdgeschichte unseres Planeten dem Besucher so vor Augen geführt wie hier. Ein einzigartiges geologisches Freilichtmuseum: Vulkane, die Lava und Feuer spucken, brodelnde Geysire, Gletscher
und Wasser, die die Landschaft formen. Es ist aber vor allem auch die wilde Natur, die den Reisenden interessiert. Denn in Island ist die Luft zwar kalt, der Boden aber heiss. Wegen der aktiven Vulkane, Geysire und heissen Quellen. Das Zusammenspiel der beiden Extreme macht diese Insel zu einem sprichwörtlichen Hotspot am Rand der Arktis: Zwischen Hitze und Kälte hat sich über die Jahrmillionen eine eigenwillige Landschaft geformt mit einer ebenso einzigartigen Flora mit einigen Arten, die nur hier leben. Alleine die aktiven Vulkane werden von Wissenschaftlern in 30 verschiedene Vulkansysteme eingeordnet. Wie mächtig diese Feuerspucker sind, demonstrierte der Vulkan Eyjafjallajökull bei seinem Ausbruch 2010: Da legte er mal kurz den gesamten Flugverkehr über Europa lahm. Sind diese sonderbaren und bizarren Landschaften echt?

 

Nordpol

90° 0' 0'' NORD – DER NORDPOL. Wer es bis hierher schafft, hat das Traumziel aller Arktis-Fans erreicht. Wir befinden uns in einer Dimension, der mit sachlichem Verstand nicht beizukommen ist: Rundherum nur Eis, Eis, Eis, tausend Kilometer weit und viele Minusgrad kalt. Sogar den Tieren ist es hier zu lebensfeindlich. Die Luft ist so trocken, dass ihre Feuchtigkeit zu Eiskristallen gefriert. Der Wind treibt sie vor sich her, es funkelt und flirrt in der Luft, es ist wie in Andersens Märchen von der Schneekönigin. Und unter dem Eis liegt das Wasser, 4300 Meter tief, denn die ganze Eiswüste treibt auf dem Meer, sie ist immer in Bewegung. Zwei bis drei Meter dick ist die Eisschicht. Wenn man darauf geht, knirscht und knarrt und klirrt es in nie gehörten Tönen bis tief ins Unbekannte – wie tief?

HÄLT DAS EIS DEM MENSCHEN STAND? JA, ES HÄLT! Denn einmal im Jahr, wenn im hohen Norden die Sonne wieder scheint, kommen die Russen mit schweren Antonov-Transportfliegern und errichten auf dem 89. Breitengrad das Zeltlager mit dem idyllischen Namen Barneo. Es ist nur hundert Kilometer vom Nordpol entfernt. Der Anflug erfolgt von Spitzbergen. Und wer hier zu Gast ist, hat genügend Zeit, diese ganz und gar ausserirdische Welt zu erleben und zu erfassen. Mit dem Helikopter gehts dann direkt zum Nordpol. Wer fit genug ist, läuft die Strecke auf Skis. Das nennt sich dann «der letzte Breitengrad».

 

Russland

ERST SEIT EIN PAAR JAHREN STEHT DIE NORDOSTPASSAGE AUCH TOURISTENSCHIFFEN OFFEN. Der Seeweg bleibt aber für sie genauso anspruchsvoll: 7000 Kilometer von Murmansk bis Anadyr durch sieben Randmeere mit je eigenem Charakter und Klima. Mächtige Archipele wie Nowaja Semlja und Sewernaja Semlja oder die Neusibirischen Inseln. Und Meereis, das ständig in Bewegung ist. Da kommt man als Besucher nicht mehr aus dem Staunen heraus. Das von Europa aus gesehen andere Ende der Nordostpassage ist das Tor zu Russlands unbekanntem fernen Osten: Tschukotka ganz am östlichsten Zipfel Russlands und die südlich anschliessende Halbinsel Kamtschatka. Zusammengenommen sind die beiden Bezirke dreimal so gross wie Deutschland und äusserst dünn besiedelt: In Tschukotka trifft es statistisch betrachtet gerade mal 0,07 Einwohner pro Quadratkilometer Land. Ein grosser Teil der Tschuktschen sind Inuit, die in der kargen Tundra Rentiere züchten und ein nomadisches Leben führen.

DIE ENDLOSEN, FLACHEN WEITEN DER TUNDRA und das urtümliche Leben ihrer Bewohner machen den Reiz dieses Landes aus. Die Tierwelt ist hier ungestört und die Natur beinahe unberührt. Wer sie erkunden will, braucht einen einheimischen Guide und Motorschlitten. Und extrawarme Kleidung, denn auch im Sommer kann das Thermometer schon mal auf Minusgrade fallen. Die Nomaden sind freundliche Menschen. Sie laden Besucher gerne in ihre Jurten ein, denn irgendwo muss man ja schliesslich übernachten. Stolz zeigen sie ihren Gästen auch die Rentierherden. Wer Glück hat, kriegt ein Lasso in die Hand gedrückt: So, nun versuche mal, den Bullen dort zu fangen... Auch Kamtschatka besteht aus weitgehend unberührter Natur. Man könnte sagen, es ist eine Mischung aus Island und Kanada: 30 aktive Vulkane und mit ihnen unzählige Geysire prägen die Landschaft, 130 weitere Vulkane gelten als inaktiv. Wiesen und Wälder leuchten grün, Braunbären streifen darin umher, Lachse ziehen die Flüsse hoch. In einem Wort: archaisch. Kein Wunder, hat die Unesco 1996 die Vulkanregion zum Weltnaturerbe erklärt. Natürlich existieren auf der 1200 Kilometer langen Halbinsel auch Dörfer. Aber wie in Tschukotka nur sehr wenige. Mehr als die Hälfte der 380’000 Einwohner von Kamtschatka leben in der Hauptstadt mit dem unaussprechlichen Namen Petropawlowsk-Kamtschatski.